«Komplikation bei Mutter oder Kind», Kommentar Prof. Breymman (NZZ-Leserbrief)
Leserbrief – Prof. Breymann vom 27.10.25 auf Artikel «Kindstod im Geburtshaus vor Gericht», NZZ / Andreas Leisi, 22.10.25).
Als Geburtshelfer betreue ich seit dreissig Jahren Geburten, sowohl vaginale Geburten als auch solche per Kaiserschnitt. Aus dem Daigramm der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich geht hervor, das bei den Geburten mi Spital und in Geburtshäusern in 30 bis 50 Prozent der Geburten eine Intervention nötig ist.
Der Begriff der natürlichen Geburt sagt nichts über den tatsächlichen Verlauf einer Geburt aus. So kann es eine natürlich schöne Geburt sein, aber leider auch eine von Natur aus problematische oder sehr schwierige Geburt, die beispielsweise in einem Kaiserschnitt oder einer Saugglockengeburt endet.
Den Verlauf einer Geburt vorauszusagen, ist sehr schwierig, und auch wenn wir an unserer Klinik den Hebammen weitgehend selbständig die Geburt überlassen, kommt es immer wieder vor, dass ich wegen einer Komplikation bei der Mutter oder dem ungeborenen Kind gerufen werde. Eine Hebamme kann mi Notfall keinen Kaiserschnitt durchführen und keine lebensgefährlichen Situationen beim ungeborenen Kind oder bei der Mutter kontrollieren. In diesen Fällen muss oft innert Minuten gehandelt werden, um Schlimmeres zu vermeiden.
Wenn es unter der Geburt zum Tode des Kindes kommt, ist das eine Katastrophe, vor allem, wenn dies in einer Klinik mit entsprechender Betreuung zu vermeiden gewesen wäre. In Deutschland hat sich die Zahl der Geburtshäuser und Hausgeburten massiv gesenkt, da die Haftpflichtprämien für die Hebammen enorm hoch sind oder gar keine Versicherung mehr das Risiko übernimmt.
In Ländern ohne moderne geburtshilfliche Einrichtungen ist die mütterliche und kindliche Komplikationsrate etwa hundertmal so hoch wie bei uns. Jeder kindliche und mütterliche Todes- fall im Rahmen einer Geburt ist einer zu viel, vor allem, wenn es aufgrund fehlender fachlicher Infrastruktur passiert. Eine natürlich schöne Geburt ist jeder Frau und jedem Paar zu wünschen. Aber bitte in einem sicheren Umfeld.
Prof. Dr. Christian Breymann, Zürich
