Das fehlende Element – Eisenmangel
Jahrelang lebte ich mit einer diffusen, anhaltenden Erschöpfung, die ich stillschweigend als Teil meines Lebens akzeptiert hatte. Als lebenslange Vegetarierin hatte man mir mehr als einmal gesagt, dass meine Eisenwerte zu niedrig seien. Ich nahm die verschriebenen Tabletten, bemerkte kaum eine Veränderung und ging davon aus, dass mein Körper einfach so funktionierte.
Dann erhielt ich vor zwei Jahren meine erste intravenöse Eiseninfusion. Innerhalb weniger Tage veränderte sich etwas. Eine Energie, die ich seit Jahren nicht mehr gespürt hatte, kehrte zurück. Erst als es mir besser ging, wurde mir bewusst, wie lange ich bereits auf Reserve gelaufen war.
Diese Erfahrung führte mich zu Prof. Dr. med. Christian Breymann, einem der führenden europäischen Experten für Eisenstoffwechsel mit mehr als 80 veröffentlichten Studien und zwei Büchern zu diesem Thema. Ich wollte verstehen, was tatsächlich in meinem Körper geschah und weshalb die Tabletten nie ausgereicht hatten. Das Interesse von Prof. Breymann an Eisen begann ursprünglich gar nicht mit Eisen. Es begann mit EPO, Erythropoetin, jenem Hormon, das die Bildung roter Blutkörperchen anregt und durch Lance Armstrong sowie die Dopingskandale im Radsport der 1990er-Jahre zweifelhafte Bekanntheit erlangte.
Seine damalige Forschungsgruppe untersuchte jedoch eine völlig andere Anwendung: EPO sollte Frauen mit starkem Blutverlust nach der Geburt helfen und dadurch Bluttransfusionen vermeiden. Sehr schnell zeigte sich allerdings, dass EPO allein nur wenig bewirkte.
„EPO ist wie das Feuer“, erklärt er. „Es treibt die Produktion an. Aber Eisen ist die Kohle. Es ist der Brennstoff. Ohne Eisen brennt nichts.“ Diese Erkenntnis führte ihn tief in das Gebiet des Eisenstoffwechsels – ein Fachbereich, der seiner Ansicht nach bis heute sowohl von Patientinnen und Patienten als auch von vielen Ärztinnen und Ärzten nur unzureichend verstanden wird.
Eisen, so erklärt er, ist das Kraftwerk jeder einzelnen Zelle im menschlichen Körper. Jede Zelle ist für ihre Stoffwechselfunktion auf Eisen angewiesen. Eisen ist nicht nur für das Hämoglobin und den Sauerstofftransport im Blut unverzichtbar, sondern auch für die Muskelfunktion, die neurologische Gesundheit und insbesondere für das Gehirn.
Forschungsergebnisse zeigen, dass Kinder mit Eisenmangel weniger synaptische Verbindungen entwickeln und eine geringere neuronale Plastizität aufweisen. Bei Erwachsenen steht Eisenmangel in engem Zusammenhang mit Müdigkeit, Konzentrationsproblemen, schlechtem Schlaf, Haarausfall und einer allgemeinen Beeinträchtigung nahezu aller Systeme im Körper.

„Ihr gesamtes System“, sagt er, „kann nur so gut funktionieren, wie es Ihre Werte erlauben.“
Der Zusammenhang mit dem Thema Regeneration, dem Schwerpunkt dieser Ausgabe, ist unmittelbar. Zellerneuerung, Gewebereparatur und geistige Klarheit: Keiner dieser Prozesse funktioniert ohne eine ausreichende Eisenversorgung richtig.
Eisen ist nicht einfach ein Nahrungsergänzungsmittel für mehr Energie. Es ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass der Körper überhaupt in der Lage ist, sich zu regenerieren. Doch weshalb erfahren so viele Frauen mit Eisenmangel durch herkömmliche Eisentabletten kaum eine Verbesserung?
Prof. Breymann verweist auf die begrenzte Aufnahme von oral eingenommenem Eisen, die unter bestimmten Bedingungen lediglich fünf Prozent betragen kann. Gleichzeitig verliert eine Frau, die während ihrer Menstruation ungefähr 100 Milliliter Blut verliert, rund 50 Milligramm Eisen, da jeder Milliliter Blut etwa 0,5 Milligramm Eisen enthält.
Die Eisenspeicher wieder aufzufüllen, während gleichzeitig jeden Monat weiterhin Eisen verloren geht, kann daher ein langsamer und schwieriger Prozess sein. Magen-Darm-Beschwerden führen zudem dazu, dass viele Frauen die Dosierung der Tabletten reduzieren oder die Behandlung ganz abbrechen. Dies kann die Therapie zusätzlich erschweren.
„Um die Eisenspeicher vollständig aufzufüllen“, sagt er, „benötigen Sie mindestens 1’000 Milligramm aufgenommenes Eisen. Sie können sich vorstellen, wie lange dies mit Tabletten dauert – selbst unter optimalen Bedingungen –, während der Eisenverlust mit jedem Zyklus weitergeht.“
Intravenös verabreichtes Eisen umgeht all diese Schwierigkeiten. Es gelangt direkt und effizient in den Körper, verursacht keine entsprechenden Verdauungsbeschwerden und ist nicht von Aufnahmeraten abhängig, die sich von Mensch zu Mensch erheblich unterscheiden können.
Prof. Breymann setzt sich seit Jahren für eine breitere klinische Akzeptanz intravenöser Eisenbehandlungen bei Frauen ein, auch während und nach der Schwangerschaft. Angesichts der deutlichen wissenschaftlichen Evidenz beschreibt er diesen Prozess als frustrierend langsam.
Ein praktischer Hinweis überrascht viele Patientinnen und Patienten: Der Ferritin-Grenzwert zur Beurteilung der Eisenspeicher hat sich verändert.
Während die unteren Grenzwerte in den Laborreferenzbereichen früher deutlich tiefer angesetzt wurden, geht man nach heutigem klinischem Verständnis davon aus, dass bei einem Ferritinwert unter 30 bereits eine Wahrscheinlichkeit von rund 80 Prozent besteht, dass die Eisenspeicher erschöpft sind. Vielen Frauen wird mitgeteilt, ihre Werte seien normal, obwohl dies nach heutigem Wissensstand nicht der Fall ist.
Es gibt daher eine Frage, die Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt stellen sollten: Fragen Sie nicht nur, ob Ihr Eisenwert im Normbereich liegt. Fragen Sie nach Ihrem Ferritinwert und danach, ob dessen Beurteilung noch dem aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstand entspricht.
Für mich kam die Antwort vor zwei Jahren in Form einer kurzen Infusion – und eines Morgens, der sich vollkommen anders anfühlte. Es zeigt sich, dass Regeneration manchmal mit den einfachsten Elementen beginnt. Mit jenen, auf die der Körper die ganze Zeit gewartet hat.
Englischer Originaltext: Maria May, Editor @kaizenmags